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Das Debüt des interdisziplinären Festivals „Noise Signal Silence“ – Ein Interview

Am 29. Oktober findet die erste Ausgabe des neuen interdisziplinären Festivals „Noise Signal Silence“ in München statt. Einen Tag und eine Nacht lang widmen sich unterschiedliche Kunstformen den zentralen Fragestellungen einer zunehmend digitalisierten Gegenwart. Auf dem Programm stehen beispielsweise Musik von Pantha Du Prince, Recondite, Pyur, Shed und Installationen von Richard Siegal, Ulf Langheinrich und Nonotak Studio. Wir haben dem Organisator Tobias Staab ein paar Fragen zum neuen Konzept gestellt.
(Ausserdem verlosen wir an dieser Stelle Tickets.)

 

Was verbindet ihr persönlich mit dem Titel „Noise Signal Silence“?

Die drei Begriffe kommen in der 2013 entstandenen Arbeit „unitxt“ des US-Choreografen Richard Siegal vor, der in diesem Kontext die Tänzer des Bayerischen Staatsballetts auf die Musik von Alva Noto choreografiert hatte. Siegal vermischt dabei klassische Ballettformen mit Tanzbewegungen, die man eigentlich eher aus Clubs kennt. Wann immer eine Form entsteht, wird diese wieder gebrochen. Diese neue Art zu choreografieren, zusammen mit den abstrakten Techno-Klängen Alva Notos war für das Publikum ziemlich fordernd. Allerdings zeigte sich hier auch, wie interessant eine Ästhetik sein kann, die nicht mehr in Hoch- und Pop-Kultur unterscheidet, sondern das Beste beider Welten vereint. Außerdem deuten die Begriffe natürlich auf drei fundamentale Dimension des ästhetischen Koordinatenfelds, in dem sich alle Künstler bei Noise Signal Silence bewegen. Egal ob sie sich nun eher auf Musik oder visuelle Künste konzentrieren. Übrigens sind sowohl ein audiovisueller Live-Act von Alva Noto wie auch eine eigens für unser Festival entwickelte Guerilla-Choreografie Richard Siegals Teil des Programms.

Ihr seid in der Vergangenheit schon des Öfteren mit dem Ansatz eines unkonventionellen Festivals aufgefallen. Wieso war es nun Zeit für Noise Signal Silence?

Mit Ritournelle haben wir uns den vergleichsweise abseitigen Gefilden der elektronischen Pop-Musik gewidmet. Im Rahmen der Festivalnacht in den Münchner Kammerspielen bringen wir einmal jährlich Musik nach München, die hier sonst nicht unbedingt einen Ort findet. Projekte, wie James Holden’s Band, Andy Stott oder Actress, die logistisch und finanziell zu aufwändig sind, um in Clubs stattzufinden. Oder kleinere, besondere Acts wie Koreless, Glitterbug oder Jessy Lanza, an die sich die meisten Veranstalter nicht herantrauen, weil sie sich nicht rechnen. Bei Noise Signal Silence folgen wir einem ähnlichen Konzept, allerdings legen wir da den Fokus auf Künstler, die interdisziplinär arbeiten und Verbindungslinien zwischen Musik und Medienkunst im weitesten Sinne ziehen. Im Gegensatz zu anderen Städten hat München zur Zeit kaum Veranstaltungen oder Festivals, die sich mit postdigitalen Ästhetiken oder der Verbindung unterschiedlicher Kunstformen der Gegenwart auseinandersetzen. Überhaupt wird zu viel in einzelnen Nischen oder Sparten gedacht. Wir glauben, dass es in München jede Menge Leute gibt, die sich für Installationen genauso interessieren wie für abgefahrene elektronische Musik.

Gibt es einen roten Faden, dem ihr bei der Auswahl eures Line-Ups gefolgt seid, der Parallelen zwischen den künstlerischen und musikalischen Acts zieht?

Verbindungslinien gibt es überall. Wir gehen ein Stück weit von musikalischen Ansätzen aus, weil uns die uns naturgemäß sehr nahe liegen. Es gibt derzeit eine Menge Musiker, die an der Erweiterung ihres Tellerrandes arbeiten, indem sie bei ihren Konzerten oder Live-Acts eine visuelle Ebene durch besondere Licht- oder Video-Elemente einziehen. Die raster-noton-Truppe um Alva Noto, Byetone und Frank Bretschneider arbeiten seit jeher mit Visualisierungen ihrer Musik und haben damit eine eigene audiovisuelle Ästhetik geschaffen. Hinter dem Pseudonym Alva Noto steckt Carsten Nicolai, der international erfolgreich als bildender Künstler arbeitet. Darüber hinaus haben wir aber auch audiovisuelle Projekte von Techno-Größen wie Recondite oder Shed eingeladen, die hier – anders als bei ihren regulären Club-Shows – ihre Live-Acts in Verbindung mit Videokunst zeigen. Aber auch ein frischer Act wie die Ex-Münchnerin Pyur, die auch unser Grafikdesign macht und gerade ein großartiges Album auf Hotflush veröffentlicht, kommt direkt mit einer AV-Show an. Es ist schön, wie hier unterschiedliche Kunstformen ganz natürlich zusammenwachsen.

In der ersten Ausgabe widmet ihr euch Fragestellungen einer „zunehmend digitalisierten Gegenwart“ mit dem Fokus auf dem „Spannungsfeld zwischen virtueller Realität und der sogenannten Wirklichkeit“. Welche Fragen haben euch hinsichtlich dieses Ansatzes bei der Konzeption des Festivals besonders beschäftigt und welche vorläufigen Antworten habt ihr möglicherweise gefunden?

Dass wir in einer Welt leben, in der die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und virtueller Welt kaum noch eine Rolle spielt, finden wir ein interessantes Phänomen. Wir alle operieren ja permanent an dieser Grenze. Die Art und Weise, wie sich die Menschen in sozialen Netzwerken darstellen, bildet ja eine eigene Realität, die von anderen so wahrgenommen wird. Durch ein gutes Facebook-Profil findet man möglicherweise Freunde, über Linkedin einen wirklichen Beruf und über Tinder findet man definitiv reale Sex-Partner. Spotify hat unsere Gewohnheiten, Musik zu konsumieren nachhaltig verändert. Außerdem haben sich im Digitalen neue ästhetische Formen herausgebildet, die wir erst einmal sehr interessant finden. Die Fragestellungen nach dem Spannungsverhältnis von Zwei- und Dreidimensionalität finden sich einerseits in den visuellen Elementen der Musik-Shows wieder, vor allem aber auch in den Installationen, die wir bei Noise Signal Silence zeigen. Diese Gedanken liegen zwar als Basis unter dem Programm, aber was zählt ist, dass die Kunst als solche nicht so verkopft ankommt, wie die Theorie dahinter. Noise Signal Silence soll vor allem Spaß machen.

Wie geht es nach der Premiere am 29.10. weiter mit Noise Signal Silence?

Wir hoffen, dass wir genug Leute für digitale Fragestellungen und die Mischform unterschiedlicher Künste begeistern können. Wenn alles gut läuft, wird es nächstes Jahr damit weitergehen.

 
29.10.2016
Einlass: 20:00 Uhr, Beginn: 21:00 Uhr
Muffatwerk, Zellstraße 4
Eintritt: 29,45€ im Vorverkauf

 
Fotos: Nonotak Studio, Ursula Kaufmann