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Kultur

Kommentar: Feminismus und Clubkultur

Seit 1991, seit den Tagen der ersten Ultraworld-Parties in der Kulturstation – einem autonomen Jugendzentrum, etwas außerhalb der Stadt gelegen – aus denen später das Ultraschall, und noch später dann zwei der heute noch präsenten und prägenden Clubgrößen Münchens – Harry Klein und Rote Sonne – hervorgingen, ist eine Menge Zeit vergangen. Dieses Jahr benenne ich als einen der Startpunkte der elektronischen Musikszene Münchens. Damals noch waren die Partys für einige wenige Dutzend bis Hundert gedacht, heute ist Techno in allen möglichen Formen aus den meisten Clubs, Bars und Radioshows dieser Stadt nicht wegzudenken. Musik, die tausende Menschen an einem Wochenende in die Clubs treibt, alle mit dem Versprechen auf einen unvergesslichen Abend.

Auf den ersten Blick scheint es doch ganz gut zu laufen, was die Präsenz von Frauen in der hiesigen Szene betrifft. Seit den Tagen des Ultraschall hat die Region immer wieder Namen hervorgebracht, die national wie international in Ohren von Bookern und Clubgängern widerhallen. Monika Kruse, Acid Maria, Tini, Virginia und Julietta seien als Beispiele genannt. Aber wenn man einen tieferen Blick hineinwirft, Namen auflistet und vergleicht, fällt einem früher oder später ins Auge, dass die Resident-Riegen der hiesigen Clubs durchweg durchdrungen sind von männlichen Protagonisten. Die weibliche Personaldecke des Münchner DJ-tums kommt reichlich dünn daher. Nicht selten passiert es, dass man in mehreren aufeinander folgenden Wochen bei Veranstaltungen mit weiblichen Bookings die selben zwei bis drei Namen von weiblichen Locals zu lesen bekommt. Und man kann noch froh sein, dass entsprechende Veranstaltungen mal nicht mit „Ladies Night“ untertitelt werden.

Ich spare mir jetzt die rhetorische Frage, woran das Ganze liegen könnte. Woran es auf jeden Fall nicht liegt, ist dass es zu wenige Frauen in München gäbe, die sich mit der Musik auseinandersetzen und sich an Mixer und Plattenteller stellen würden. Das Problem ist, dass es nur die wenigsten in Clubs tun. Seit das Harry Klein mit seinem Projekt „Marry Klein“ 2014 seinen erstmaligen Aufruf startete, gingen bereits mehrere Dutzend Mixtapes von Mädchen und Frauen aus Stadt und Region ein. Mixe aus verschiedensten Bereichen elektronischer Musik, von verschiedensten Protagonistinnen, von denen nicht einmal eine Hand voll dem Team des Harry Klein namentlich ein Begriff waren. Aber sie sind da, und sie würden spielen wollen.

Das Problem, auf dem oben genanntes beruht, ist grundsätzlicher Natur. Es fußt in einer Gesellschaft, die tief von Strukturen geprägt ist, die Ungleichheiten zwischen Geschlechtern, Rassen und Klassen herstellen und befördern. Ich benenne stellvertretend den Kapitalismus. Dieser hat bei seiner Entwicklung über die letzten drei Jahrhunderte das Patriarchat als gesellschaftliche Herrschaftsform nicht abgelöst und zerstört, sondern lediglich dessen Wirkweisen adaptiert. Die Unterdrückung von Frauen, egal welchen Alters, welcher sozialen Schicht, welcher sexuellen Orientierung oder Religion, zieht sich als roter Faden durch die Geschichte bis in unsere Gegenwart. Es wird nach wie vor unterschieden und klassifiziert nach Geschlecht, wobei dem weiblichen stets die untergeordnete Rolle zugewiesen wird. Klassische Rollenmuster wie die Mutter in Küche und Kinderzimmer werden langsam ersetzt, aber wodurch? – Durch das Bild von Frauen, die doch bitte und gerne in Vollzeit arbeiten, dabei den Haushalt schmeißen, Kinder zur Welt bringen und erziehen sollen und bei dem Ganzen noch glücklich und dankbar zu sein haben, dass es ihnen erlaubt ist, dem Markt ihr maximales Produktivitätspotential zugänglich machen zu dürfen. Es zeigt sich, wie kapitalistische Denkmuster die Ungleichheit der Geschlechter nicht in Frage stellen, sondern sie sich zu Nutzen machen.

Nun ist es so, dass jene Muster, die gesamtgesellschaftlich wirken, natürlich auch die Clubkultur durchziehen, in der wir uns bewegen. Männliche Seilschaften bestimmen die Strukturen in vielen Clubs und Agenturen, auch in der hiesigen Szene. Männer kennen Männer, Männer buchen Männer, Männer promoten Männer. Egal, ob in den Bookingkalendern der Clubs oder auf Festivals. Trotz eines immensen Pools an Künstlerinnen, der verfügbar wäre, werden entsprechende nicht in dem Maße gebucht, wie es möglich wäre. Man schiebt Argumente vor, wie dass es gar nicht genug Frauen gäbe oder dass deren Namen nicht genug Publikum ziehen würden.
Und ja, wenn man von einigen wenigen weiblichen Big Names à la Ellen Allien oder Nina Kraviz absieht, wird es manchen Durchschnittskonsumenten elektronischer Musik wahrscheinlich schwer fallen, auch nur ansatzweise so viele weibliche DJ’s zu benennen wie männliche. Und das liegt eben nicht daran, dass es zu wenig Frauen gäbe, die Musik machten, sondern dass sie in den gegebenen Booking- und Marketing-Mechanismen zu schwach vertreten werden.

Und genau da sollen Projekte wie das „Marry Klein“ ansetzen. Es soll zum Einen das öffentliche Bewusstsein geschaffen werden für die genannte Problematik, für jene Strukturen und Mechanismen, die die Ungleichheit der Geschlechter befördern. Und zum Anderen soll ein Raum entstehen für jene Frauen, die sich in und um München mit elektronischer Musik auseinandersetzen, aber bislang nicht die Gelegenheit sahen, ihr Können auch im öffentlichen Raum zu erproben.

Ja, ein Techno-Club soll nicht per se ein politisierender Raum sein. Er soll ein Raum für Freiheit sein, eine Ort des Rückzugs von alltäglichen Zwängen. Aber es ist definitiv keine dauerhafte Lösung, vor genannten Missständen den Kopf einzuziehen und sie schlicht zu ignorieren. Probleme löst man, indem man sie erkennt, benennt und verändert. Darum sollte sich jeder Promoter, Booker und DJ, und auch jeder Clubgänger und Plattenkäufer fragen, inwieweit er in einer Musik, in einer Kultur, die ihre Wurzeln in uremanzipatorischen Bewegungen hat, ohne die er nicht existieren würde, zulassen will, dass die Ziele und der Sinn eben jener Bewegungen durch ihr eigenes Handeln massiv konterkariert werden. Die Frage ist nicht, ob es möglich ist, dass wir die Missstände in der Szene beseitigen. Die Frage ist, wann wir es tun werden. Ein Monat nur mit Künstlerinnen hinter den Decks scheint mir ein guter Einstand zu sein.

 


 

Auch der kommende April ist wieder für den Aktionsmonat „Marry Klein“ reserviert, in dem ausschließlich Frauen für die Musik und Kunst im Harry Klein sorgen. Hierfür werden Künstlerinnen gesucht, die mit dem Auflegen konform sind, sich aber bisher nur selten oder noch gar nicht vor ein Publikum oder gar in einen Club getraut haben. Bis 28.02. haben Interessentinnen noch Zeit ihr mindestens 60-minütiges Set im Bereich House oder Techno an promo@harrykleinclub.de zu schicken.

 
Fotos von oben nach unten: Liza, Julietta